Reiches Mädchen im armen Land

Zugegeben, die Überschrift ist etwas provokant gewählt und nicht wirklich zutreffend: ich bin weder ein Mädchen, sondern eine 43-jährige Frau und ich bin auch nicht wirklich reich, jedenfalls aus europäischer Perspektive.

Aus afrikanischer, konkret hier kenianischer Sicht, bin ich allerdings auf jeden Fall reich, auch wenn ich das selbst bestreiten würde.Dass ich mich jedoch in einem armen Land befinde, stimmt zumindest: Auch wenn Kenia eines der aufstrebenden Länder des afrikanischen Kontinents ist und seit einigen Jahren über 4% Wirtschaftswachstum produziert: fährst du über Land oder biegst in den Städten zwei mal zu oft links ab, siehst du die Armut überall. Und so ist es nicht nur in Kenia, sondern auch in Thailand, Brasilien, Kambodscha und den vielen anderen Destinationen, in die es uns Gerne-Reisende zieht.

Tja, was macht man daraus? Persönlich kann ich es für eine kurze Zeit ganz gut akzeptieren, dass Selbst- und Fremdwahrnehmung weit auseinanderliegen. Auf längere Sicht – und das ist bei unserem aktuellen zweimonatigen Aufenthalt in Kenia und Tansania ja gegeben, stellt mich diese unterschiedliche Wahrnehmung vor einige Herausforderungen. Das liegt wohl vor allem an der gefühlten, wenn auch nie ausgesprochenen Verantwortung, die man übernimmt, wenn man als „reicher“ Europäer in Länder fährt, in der die Bevölkerung in weiten Teilen durch Armut geprägt ist. Dabei ist es gar nicht so, dass man eine ständige Verzweiflung oder allgegenwärtiges Leid spürt. Natürlich sind die Leute sehr freundlich, natürlich wird viel gelacht und gescherzt – aber was ist eigentlich, wenn ich nun den Verkäufern hier an unserem Ort kein Business beschere, mit dem sie aber gerechnet haben? Hat der Souvenirverkäufer heute Abend keine Mahlzeit, wenn ich ihm seine Holzschnitzerei nicht abkaufe? Wo wird der Fischhändler nachmittags um vier seinen Fang noch los, wenn ich ihn nicht nehme? Hat der Gemüseverkäufer heute schon genug verkauft, damit es für die Familie am Abend reicht? Und wie, verdammt noch mal, kann dieser Körbe-Händler von dem Spottpreis leben, den er für seine Körbe verlangt, selbst ohne, dass ich gehandelt habe?

Und überhaupt: soll ich das bisschen Geld, was die Leute hier für Ihre Waren verlangen, auch noch runterhandeln? Auch wenn ich weiß, dass es hier üblich ist, fühlt es sich schäbig an.

Tja, Genuss kommt da oft nicht auf. Insbesondere, wenn man längere Zeit an einem Ort bleibt und die hiesigen Händler beobachten kann. Ich sehe, wie viele Gäste und damit potentielle Käufer hier sind, wie viele kaufen und wie viele es nicht tun – weil sie gestern schon gekauft haben, weil sie nichts brauchen oder weil sie einfach gerade nicht da waren, als der Händler kam. Und wie die Verkäufer von Fisch, Gemüse und Souvenirs die Augen über den Ort, an dem wir gerade sind, schweifen lassen, prüfend, ob nicht doch noch jemand neu dazugekommen ist, dem sie ihre Ware anbieten können. Und wie sie dann am Abend langsam nach Hause gehen, mit den übrig gebliebenen Waren in Körben auf Köpfen oder um Fahrradlenker geschlungen und uns mit der Frage zurücklassen, ob es heute wohl für alle zu Hause gereicht hat.

Wie geht es euch, wenn ihr in Ländern unterwegs seid, in denen es viel Armut gibt? Wie geht ihr damit um? Ich freue mich über Austausch!

2 Kommentare
  1. Susanne Mohaupt
    Susanne Mohaupt sagte:

    Ich kann Dich einerseits gut verstehen, aber man muss sich in solchen Ländern von den Vergleichen befreien. Wenn man nicht handelt verletzt man oft die Ehre der Händler und hinterlässt erst recht den Eindruck des reichen Weißen, der es gar nicht nötig hat zu handeln. Die Menschen in Kenia und Tansania sind häufig viel „reicher“ als wir, weil sie die wesentlichen Dinge des Lebens verstanden haben und sie leben ….Freude, Liebe, Hilfsbereitschaft, ZUFRIEDENHEIT. Es gibt kaum Neid, dafür eine unglaubliche Lebensfreude. Das ist das was wir von dort mitnehmen können, was wir lernen können und sollten. Nicht sehen, wie „arm“ sie sind. Das sind sie häufig ja nur aus der europäischen Sicht. Wer sich selbst nicht als arm betrachtet, ist es auch nicht. Das ist alles eine Frage der Ansprüche und der Perspektive. Frag doch mal einzelne Menschen, wie es ihnen geht 6nd was die Familien, Kinder machen. Sie werden sich so darüber freuen, weil Anteilnahme und Freude dort wichtiger ist als materieller Besitz. Ich habe zum Beispiel Bettlern nie Geld gegeben, aber manchmal schon etwas geschenkt….auch wenn es oft nicht mehr war als ein paar freundliche Worte und ein Lächeln. Den europäischen Standard muss man versuchen als Vergleich aus dem Kopf zu bekommen (das ist nicht so einfach, aber es geht), dann werdet Ihr Eure Reise noch mehr genießen können! Viel Spaß noch!

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    • Britta Schmidt von Groeling
      Britta Schmidt von Groeling sagte:

      Hallo Susanne,
      danke für deinen Kommentar. Ja, natürlich ist das die eine Sicht auf die Dinge, nur die immateriellen Werte zu betrachten. Klar, die Leute sind hier zufrieden, genauso wie die Leute in Deutschland und überall auf der Welt mit ihrem Dasein zufrieden sind – was nutzt das auch, ständig mit dem Schicksal zu hadern? Die Gespräche mit den Leuten hier führe ich natürlich, ich war ja schon sehr oft in Afrika. Naja, von dem Geld, was der Fischer einnimmt, geht er erst mal Medizin kaufen gegen sein Asthma. Die Hälfte des Einkommens ist da schon wieder weg. Der Kokosnussverkäufer wollte eigentlich Journalist werden, aber die Elternkonnten das Schulgeld nicht aufbringen. Der alte Mann, der die geschnitzten Affen verkauft, wäre bei uns schon längst in Rente. Aber Rente gibt es hier nicht. Ich glaube, neben dem, was wir als Zufriedenheit und all die Dinge sehen, die uns in unserem hektischen Alltag oft fehlen und weshalb wir gern in Länder fahren, in denen wir eine Art „Ursprünglichkeit“ entdecken, gibt es hier natürlich ganz praktische, weltliche Dinge, an denen es eben an allen Ecken und Enden hapert – und das das Leben der Leute hier natürlich beeinträchtigt, auch wenn sie es dir mit einem Lächeln auf den Lippen erzählen. Das Beste dagegen ist wohl: Fahrt alle nach Kenia und bringt ordentlich Shoppinglaune mit! Und ja, ich handele natürlich auch ein wenig. Aber nur, wenn es sein muss 🙂

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