Heute dreht sich bei uns wieder alles um Nachhaltigkeit – es ist Mittwoch! Ich habe für euch eine bekannte Familienreisebloggerin und Reiseführerautorin interviewt: Jenny Menzel von Weltwunderer. Und an der Stelle wird es brisant: Jennys Lieblingsreiseziel, über das sie schon mehrere Reiseführer veröffentlicht hat, ist Neuseeland. Wie sie mit dem Spagat umgeht, ein Fernreiseziel zu lieben und trotzdem umweltbewusst zu leben, erzählt sie uns im Interview.

Nachhaltigkeit und Neuseeland

Liebe Jenny, wir alle, die Kids im schulpflichtigen Alter haben, beschäftigen uns im Moment vor allem mit einem großen Thema: Fridays for future – und damit Klimaschutz. Wie sieht es bei euch aus, gibt es viele Diskussionen?

Diskutieren würde ja bedeuten, dass wir unterschiedlicher Meinung sind – und das sind wir innerhalb der Familie in puncto Fridays for future zum Glück nicht. Wir Eltern ermutigen unsere Schulkinder von Anfang an, zu den Demonstrationen zu gehen (und gehen auch mit, denn mit zehn Jahren muss man so etwas noch nicht allein machen).

Tatsächlich diskutieren wir allenfalls mit der Großen darüber, dass sie bitteschön auch dann zu den Demos gehen soll und darf, wenn ihre Klassenkameraden das aus Angst vor Konsequenzen (oder aus reinem Nicht-Wissen!) nicht tun. Mit 14 ist die eigene Welt sehr klein und das, was die Freundinnen denken und tun, scheint oft wichtiger, als für die eigenen Überzeugungen einzustehen. Aber genau hier lernt unsere Älteste gerade sehr viel über sich selbst und was es heißt, Werte zu haben und zu vertreten.

Als Eltern versuchen wir derzeit einen schwierigen Spagat: Wir wollen unsere Kinder zu umweltbewusstem Verhalten erziehen und müssen uns gleichzeitig ganz genau überlegen, was wir ihnen über den Klimawandel und seine möglichen furchtbaren Konsequenzen erzählen dürfen. Wir wollen sie ja nicht mit Schreckensszenarien lähmen, die uns selbst teilweise schlaflose Nächte bereiten…

Nachhaltigkeit

Ich habe dich ja als sehr umweltbewussten Menschen kennengelernt. Wie gehst du persönlich mit dem Thema um? Was sind deine Life-Hacks?

Im Alltag finde ich es gar nicht so schwierig, auf Umweltfreundlichkeit zu achten. Wir haben (nach einem Unfall mit Totalschaden, den wir als Fingerzeig des Schicksals genommen haben) kein Auto mehr und fahren viel Fahrrad, Öffis und Bahn. Dadurch haben wir erst bemerkt, wie anstrengend der Autoverkehr in der Stadt ist! Ganz zu schweigen von der nervigen Parkplatzsuche…

Ökostrom kostet uns keinen Cent mehr als der normale Stadt-Strom, denn der ist in den letzten Jahren unmerklich auch recht teuer geworden. Einkaufen geht dank Lieferdienst, Biokiste und Marktschwärmerei (eine Art regionales Online-Sammelbestellsystem mit Selbstabholung) auch ohne eigenes Auto bequem und ziemlich öko. Und die Reduktion des Fleischverzehrs fällt weit weniger schwer, wenn man sich konsequent Biofleisch verordnet. Das ist zwar teuer, schmeckt dann aber einmal pro Woche mit gutem Gewissen auch richtig lecker.

Es macht mir momentan richtig Spaß, nachhaltig(er) zu leben, denn ich bin mit meinen Bemühungen kein Öko-Spinner mehr, sondern Trendsetter. Sogar meine 14-Jährige findet es cool, ihr Essen in der selbstgenähten Sandwich-Tüte mit in die Schule zu nehmen, festes Shampoo zu nutzen oder die alten T-Shirts ihres Papas zu „upcyceln“ (kommt auf Instagram gut an! 😉).

Und wie ist es mit der Fortbewegung? Bei uns in Berlin fahren ja viele mit dem Fahrrad hin und her, Kids hintendrauf oder vorne dran. Aber mit 3 Kindern wird’s dann langsam schwierig, oder wie ist deine Erfahrung?

Überraschenderweise gar nicht. Unsere Großen fahren, ohne zu murren, mit dem Rad oder der Bahn allein zur Schule und zum Training – es geht ja ohne Auto gar nicht mehr anders, also wozu diskutieren? Die Kleine habe ich noch auf dem Fahrradsitz dabei, sie fährt aber auch supergern mit der Bahn. Wenn sie mal keinen sperrigen Kindersitz mehr braucht, wird es richtig klasse, dann können wir viel bequemer CarSharing machen oder einfach mal Taxi fahren.

Klar, als Städter haben wir leicht reden. Mein Mann fährt fünf Minuten ins Büro, ich habe mein Büro zu Hause. Und wenn wir Brötchen oder ein Bier holen wollen, sind Supermärkte und Spätshops in Laufweite. Für uns ist das einer der Hauptgründe dafür, warum wir sehr gern in der Stadt wohnen. Dafür verzichten wir halt auf einen großen Garten und Landluft.

Nachhaltigkeit

Und nun mal Hand aufs Herz: Wenn es um das Thema Reisen geht, ist es ja gar nicht so einfach, klimaschonend zu verfahren – insbesondere, wenn man Neuseeland als absolutes Lieblingsreiseziel auserkoren hat. Was hast du für Tipps rund um das Reisen?

Das ist für mich ein sehr schwieriges Thema. Ich habe ein echt schlechtes Gewissen, weil ich mit meinem Blog anderen Familien Lust auf das andere Ende der Welt mache. Man kann schlichtweg nicht nach Neuseeland, Japan oder New York fliegen, ohne dabei tonnenweise CO2 auszustoßen – was wir dringend stoppen müssen, wenn wir für unsere Kinder und Enkel eine lebenswerte Welt sichern wollen.

Wir gleichen das ausgestoßene Kohlendioxid unserer Flüge konsequent über Atmosfair aus, das ist das Mindeste, was wir tun können. Und nein, es ist mehr als billiger Ablasshandel – man sorgt ja über Entwicklungshilfe dafür, dass an anderer Stelle CO2 vermieden wird, und zwar nachhaltig. Wenn das jeder Flugreisende tun würde, wäre es schon ein riesiger Fortschritt!

In den nächsten Jahren wollen wir uns Fernreisen generell verkneifen, auch wenn das weh tun wird. Auf lange Sicht hoffe ich einfach ganz stark darauf, dass die Airlines neue Treibstoffe und Antriebsarten entwickeln – die Forschung ist ja in den letzten Jahren enorm vorangekommen, auch wenn man davon in den Nachrichten nicht viel mitbekommt. In Schweden kann man bereits Inlandsflüge mit Biotreibstoff buchen. Bis 2030 werden alle schwedischen Inlandsflüge CO2-neutral sein. Norwegen hat kürzlich das erste Elektroflugzeug gekauft. Das macht mir enorme Hoffnung!

Ich habe persönlich ja gerade die Zero Waste Küche für mich entdeckt und versuche, im Haushalt so viel Müll wie möglich zu sparen – der Erfolg fällt zugegebenermaßen mal so mal so aus. Hast du im Zuge der Debatte um fridays for future auch etwas dazugelernt, worauf du dich jetzt ganz neu stürzt?

Der Klimawandel wird sich allein durch individuelle Verhaltensänderungen nicht aufhalten lassen. Dafür sind globale politische Umstellungen und wahrscheinlich sogar eine komplette Änderung unseres Gesellschaftssystems nötig. Der Kapitalismus mit seiner Wachstumsideologie und der Ellenbogen-Mentalität hat uns den Klimawandel und alle anderen ökologischen Probleme ja gerade beschert.

Die führenden Wissenschaftler sagen, dass es nur drei Dinge gibt, mit denen man als Einzelner etwas bewirken kann:

  • Auf Fleisch und tierische Produkte verzichten
  • Auf Flüge verzichten
  • Politisch aktiv werden

Also mache ich das. Ich schleppe meine Kinder auf Demos, gehe zu Wahlveranstaltungen, unterschreibe Petitionen, unterstütze NGOs und diskutiere im Bekanntenkreis und auf Facebook gegen Klimawandelleugner und -zweifler an. Die anstehende Europawahl wird entscheidend dafür sein, ob wir die Ziele des Pariser Klimaabkommens einhalten werden. Ich hoffe für meine Kinder und alle anderen jungen Menschen in Europa, dass die Erwachsenen dort die richtige Wahl treffen.

Jenny bloggt auf https://www.weltwunderer.de/